Tagsüber fällt der Strompreis ins Negative, abends schießt er auf 500 Euro. Und die Schlagzeile lautet: Deutschland verschenkt seinen Strom ans Ausland und kauft ihn teuer zurück. Das klingt nach Wahnsinn — ist es aber nicht.
Der Gast und die Einordnung
Zum zweiten Mal zu Gast war Dr. Dominik Schlipf, Teamleiter Systembilanz bei TransnetBW. In Episode 1 unserer Staffel hat er die Physik des Stromnetzes erklärt: 50 Hertz, Schwungmassen, Redispatch-Eingriffe. Diese Folge behandelt die Ökonomie, die darauf aufsetzt — sachlich, ohne politische Wertung, aus der Sicht von jemandem, der den Markt täglich von innen sieht.
Was die Episode behandelt
- Der Day-Ahead-Markt und „pay as cleared“. Warum am Ende alle Marktteilnehmer denselben Preis bekommen, unabhängig von ihren eigenen Kosten.
- Negative Strompreise bis minus 600 Euro. Kein Marktversagen, sondern Ausdruck nicht steuerbarer Erzeugung, die sich physikalisch nicht abschalten lässt.
- Der Spread und der Speicher-Boom. Was die Preisdifferenz zwischen Tag und Nacht mit dem aktuellen Ausbau von Großbatteriespeichern zu tun hat.
- Deutschland als Nettoimporteur seit 2023. Was das für die Versorgungssicherheit bedeutet — und was nicht.
- Die 80/20-Frage. Warum es keine 100/0-Lösung gibt und das volkswirtschaftliche Optimum eher bei achtzig Prozent liegt.
Das Bild, das hängenbleibt
Schlipfs stärkste Analogie ist die Tankstelle. Der Strompreis reagiert auf Nachfrage und Tageszeit, genau wie der Spritpreis. Man kann das ignorieren und seine Wäsche immer zur selben Uhrzeit waschen — das ist vollkommen legitim. Oder man passt sich an und profitiert davon. Jeder mit einem Lichtschalter ist Marktteilnehmer.
Was das für Lieferketten bedeutet
Aus Supply-Chain-Sicht beschreibt Schlipf eine Lieferkette ohne Lager. Strom muss in dem Moment abgenommen werden, in dem er entsteht. Genau daraus folgen die negativen Preise: Wo nicht gepuffert werden kann, muss der Preis die Steuerung übernehmen.
Der 80/20-Gedanke lässt sich ebenso übertragen. Bei alternativen Lkw-Antrieben gibt es genauso wenig die eine Lösung — Verbrenner, Elektro und Wasserstoff haben jeweils ihre Nische. Wer auf eine einzige Option optimiert, zahlt für die letzten Prozent unverhältnismäßig viel.
Die beruhigendste Erkenntnis der Folge betrifft die Anpassungsfähigkeit des Systems. Vor zwanzig Jahren galt ein Netz mit vier Prozent Solaranteil als nicht fahrbar. Heute laufen vierzig Prozent. Nicht weil die Physik sich geändert hätte, sondern weil die Prozesse angepasst wurden.
Quellen
- Podcast „Logistik aus der Praxis„, Staffel „Lieferkette Energie — Wie sicher ist unsere Versorgung?“, Episode 6 mit Dr. Dominik Schlipf (TransnetBW GmbH): https://open.spotify.com/episode/03SV5VlToOu0QV3ReVpg8k
- Episode 1 derselben Staffel, ebenfalls mit Dr. Schlipf, zur Physik des Stromnetzes: https://open.spotify.com/episode/4KuLO09HgxUWAXtzcHCdbf