Supply Chain

Volatilität ist der Normalzustand

7 Min. Lesezeit Henrik Schneider
Weekly Cover: Volatilität ist der Normalzustand

Diese Woche hat der neue State of Logistics Report in Zahlen gegossen, was viele längst spüren: Volatilität ist keine Phase mehr, die vorbeigeht, sondern der Betriebszustand, in dem geplant werden muss. Zwei weitere Entwicklungen der Woche belegen es aus zwei Richtungen — ein Strukturbruch in den nordamerikanischen Handelsregeln und eine Übernahme, die die Anbieterlandschaft neu zeichnet. Drei Verschiebungen, eine Einordnung, und was daraus für die Planung folgt.

1. „Volatilität ist der Normalzustand“ — der Report macht es amtlich

Der 2026 State of Logistics Report von Kearney und Penske für den Branchenverband CSCMP formuliert die These offen: Was jahrelang als vorübergehende Störung galt, ist zu einem dauerhaften Merkmal des Betriebsumfelds geworden. Die US-Logistikkosten summierten sich zuletzt auf rund 2,4 Billionen Dollar — 7,8 Prozent des Bruttoinlandsprodukts, nach 8,7 Prozent im Vorjahr. Der Rückgang ist keine Entwarnung, sondern das Ergebnis fallender Frachtraten in einem strukturell überversorgten Seefrachtmarkt — nicht das Ergebnis von Ruhe.

Fünf Strukturkräfte benennt der Report als Treiber: asymmetrisches globales Wachstum, sich verschärfende Finanzierungsbedingungen, geoökonomische Neuordnung, Arbeits- und Produktivitätsengpässe sowie volatile Energiepreise. Entscheidend ist der Ton: Geopolitische Störung sei nicht länger episodisch, sondern kontinuierlich. Ausdrücklich nennt der Report die Straße von Hormuz und die häufigen Zolländerungen als anhaltenden Druck auf die Handelswege — also keine Randnotiz, die sich auflöst, sondern eine der Kräfte, mit denen dauerhaft zu rechnen ist.

Ein Beispiel für diese Dauer-Volatilität liefert der Seefrachtmarkt selbst. Er ist strukturell überversorgt — das Orderbuch für neue Schiffe entspricht rund 30 Prozent der aktiven Flotte —, was die Raten mittelfristig drückt. Gleichzeitig stützen die Engpässe an Hormuz, im Roten Meer sowie am Panama- und Schwarzen Meer die Raten kurzfristig und verknappen Ausweichrouten. Überversorgung und Verknappung zugleich: Das ist keine Anomalie mehr, sondern das neue Muster, in dem geplant werden muss.

Für die Praxis heißt das eine klare Verschiebung: Der Wert in der Lieferkette wandert weg von der reinen Frachtvermittlung hin zu Zoll, Compliance, Lagerhaltung und Finanzierung — dorthin, wo Komplexität beherrscht werden muss. Mark Baxa, Chef des CSCMP, bringt es auf den Punkt: Das Logistiknetz des nächsten Jahres werde kaum wiederzuerkennen sein. Für europäische Verlader gilt die Botschaft unverändert: Europa ist einer der engsten Logistikmärkte weltweit, und wer hier auf Rückkehr zur Normalität plant, plant gegen die Faktenlage.

2. Der USMCA-Dauerreview: Ein Strukturbruch mit direkter DACH-Wirkung

Am 1. Juli haben die USA die automatische Verlängerung des nordamerikanischen Handelsabkommens USMCA nicht bestätigt — und damit einen jährlichen Überprüfungszyklus ausgelöst. Wichtig zur Einordnung, damit keine Panik entsteht: Das Abkommen bleibt bis mindestens Juli 2036 voll in Kraft, die präferenziellen Zölle gelten weiter, und Zollanmeldungen müssen heute nicht geändert werden. Was sich ändert, ist nicht der heutige Satz, sondern der Planungshorizont: Aus einem stabilen Rahmen wird eine rollierende Jahresverhandlung — mit Unsicherheit Jahr für Jahr.

Die Richtung ist absehbar. Die Ursprungsregeln dürften strenger werden, besonders bei Autos und Metallen; die geforderten nordamerikanischen Wertschöpfungsanteile steigen. Die USA drängen darauf, die Selbstzertifizierung beim Lohnwertanteil durch verpflichtende unabhängige Prüfung zu ersetzen, und die Zollbehörde hat ihre Ursprungs-Audits bereits spürbar ausgeweitet. Für nicht-konforme Autoteile steht im Extremfall ein kombinierter Satz von 25 Prozent und mehr im Raum — inklusive der Section-232-Zölle.

Das ist kein reines US-Mexiko-Thema. Deutsche Automobilhersteller und ihre Zulieferer betreiben erhebliche Kapazitäten in den USA und Mexiko; ihre grenzüberschreitenden Wertschöpfungsketten hängen unmittelbar an diesen Ursprungsregeln. Hinzu kommt die oft übersehene China-Frage: Jeder in Mexiko fertigende Betrieb, dessen Stückliste nennenswerte chinesische Vorprodukte enthält — Elektronik, Batterien, Maschinen —, gerät stärker unter Beobachtung. Die eigentliche Lehre formulieren die Handelsjuristen nüchtern: Der Review ist keine politische, sondern eine Kostenstruktur- und Sourcing-Frage. Handelspolitik wird von einer Compliance-Randgröße zu einer Variablen der Kapitalplanung. Die nächste Verhandlungsrunde ist bereits für den 20. Juli angesetzt.

3. Vertikale Integration: Die Anbieterlandschaft konsolidiert nach oben

Die dritte Verschiebung betrifft, mit wem Verlader künftig überhaupt arbeiten. Die Reederei CMA CGM übernimmt die Kontraktlogistik-Sparte von FedEx für rund 1,4 Milliarden Dollar — ein Seefracht-Carrier kauft sich damit tief in die landseitige Logistik ein. Parallel verdichtet sich der Markt auch im Handel, etwa mit der 1,65-Milliarden-Dollar-Übernahme der Kette Giant Eagle durch Kroger. Der Trend dahinter ist eindeutig: vertikale Integration und Skalenverdichtung.

Der Report liefert die Erklärung. Der Markt für Logistikdienstleister steht an einem Wendepunkt: weg von der transaktionalen Ausführung, hin zur durchgängigen Orchestrierung — Anbieter entwickeln sich in Richtung integrierter 4PL-Lösungen, bauen Netzdichte auf und setzen KI ein, um Kosten ohne proportionalen Personalaufbau zu steuern. Das deckt sich mit der Gartner-Prognose, dass bis 2031 ein wachsender Teil der Lieferketten-Störungen ohne menschliches Eingreifen aufgelöst wird.

Für Verlader hat das eine konkrete Konsequenz: Die Zahl der wirklich integrierten Anbieter sinkt, ihre Leistungstiefe steigt — und damit steigt die strategische Bedeutung der Anbieterauswahl. Wer heute einen Dienstleister wählt, wählt zunehmend ein Ökosystem, nicht eine Transaktion. Das eröffnet Chancen bei Zoll, Compliance und Sichtbarkeit — schafft aber auch neue Abhängigkeiten, die bewusst gesteuert werden wollen. Konkret heißt das: Bei der nächsten Vergabe zählen nicht nur Preis und Fläche, sondern die Zoll- und Compliance-Kompetenz des Anbieters, seine Netzdichte und seine Datenschnittstellen. Genau dort entsteht künftig der Unterschied zwischen einem Kostenposten und einem Leistungspartner.

Der DACH-Hintergrund: gedrückte Stimmung, strukturelle Verschiebung

Diese drei Entwicklungen treffen auf eine deutsche Wirtschaft, deren Stimmung sich zuletzt nur zaghaft aufhellte — der ifo-Geschäftsklimaindex lag im Juni bei 85,6 Punkten, weit unter dem langjährigen Normalniveau, und die Exporterwartungen blieben negativ. Vor diesem Hintergrund ist die Botschaft der Woche unbequem, aber klar: Der Umbau der Lieferkette ist kein Konjunkturphänomen, das mit der nächsten Erholung verschwindet. Er ist strukturell — getrieben von Geopolitik, Handelsregeln und Marktkonsolidierung, die alle in dieselbe Richtung zeigen: weniger Berechenbarkeit, mehr Steuerungsbedarf.

Handlungsempfehlungen — kompakt

Strategie/Geschäftsführung: Volatilität als Planungsprämisse setzen, nicht als Ausnahme. Szenarien statt Punktprognosen — der Report ist die externe Bestätigung, den Planungsmodus umzustellen.

Außenhandel/Automotive: Wer Kapazitäten in Nordamerika hat, prüft jetzt die USMCA-Ursprungsnachweise der letzten 24 Monate und die Lohnwert-Dokumentation — bevor das nächste Audit kommt, nicht danach.

Sourcing: Chinesische Vorprodukte in mexikanischer Fertigung auf Tier-2/Tier-3-Ebene sichtbar machen. Die China-Frage im USMCA-Review trifft mehr Branchen als nur Automotive.

Einkauf Logistikleistung: Die Anbieterauswahl als strategische Entscheidung behandeln, nicht als Ausschreibungsroutine. Konsolidierung bedeutet: Sie wählen ein Ökosystem und dessen Abhängigkeiten mit.

Daten/IT: Zoll- und Ursprungsdaten in Echtzeit verfügbar machen. Der Wert wandert dorthin, wo Compliance beherrscht wird — das setzt saubere Stammdaten voraus.

Was bedeutet das für Ihr Unternehmen?

Die zentrale Frage dieser Woche ist nicht, wann die Ruhe zurückkehrt, sondern ob Ihre Organisation noch darauf wartet. Der State of Logistics Report, der USMCA-Dauerreview und die Carrier-Konsolidierung erzählen dieselbe Geschichte aus drei Richtungen: Der Umbau ist strukturell, nicht zyklisch. Wer das akzeptiert, hört auf, Volatilität wegzuplanen, und beginnt, mit ihr zu planen — über Szenarien, saubere Daten und bewusst gewählte Partnerschaften. Genau darin liegt der Wettbewerbsvorteil: nicht im Vorhersagen des nächsten Schocks, sondern in der Fähigkeit, ihn ohne Verzögerung zu verkraften.

Quellen

FreightWaves — 2026 State of Logistics Report (Kearney/Penske/CSCMP): „Volatility is the new normal“, US-Logistikkosten 2,4 Bio. $ / 7,8 % BIP, Zitat Mark Baxa: https://www.freightwaves.com/news/2026-state-of-logistics-report-volatility-new-normal, Brownstein Hyatt Farber Schreck — USA verweigern automatische USMCA-Verlängerung, jährlicher Review-Zyklus ab 01.07.2026, nächste Runde 20.07.: https://www.bhfs.com/insight/trump-administration-decides-against-renewing-usmca-opts-for-annual-review-process/, Carra Globe — USMCA-Review: Ursprungsregeln, LVC-Drittprüfung, +20 % CBP-Audits, China-Content-Frage: https://carraglobe.com/usmca-2026-review-importers/, Logistics Viewpoints — Wochenrückblick 29.06.–03.07.2026: CMA CGM kauft FedEx-Kontraktlogistik (1,4 Mrd. $), Kroger/Giant Eagle (1,65 Mrd. $): https://logisticsviewpoints.com/2026/07/03/supply-chain-and-logistics-news-weekly-round-up-june-29th-july-3rd-2026/, Gartner — Prognose zu autonomen Lieferketten (Auflösung von Störungen ohne menschliches Eingreifen bis 2031), 18.03.2026, ifo Institut — Geschäftsklimaindex Juni 2026 (85,6; Exporterwartungen negativ), 24.06.2026

Thema vertiefen?

Sprechen wir über die Umsetzung in Ihrem Unternehmen.