Supply Chain

Reaktion ist nicht Resilienz

6 Min. Lesezeit Henrik Schneider
Reaktion ist nicht Resilienz

Nach der Sonderausgabe vom Donnerstag zur Blockade des Bab al-Mandab ist diese reguläre Ausgabe die Fortschreibung — und sie liefert ein Muster, das sich durch die ganze Woche zieht. Auf die Eskalation folgt die Reaktion: Die EU verstärkt ihre Marinemission, die saudische Koalition sichert die Meerenge, der Ölpreis springt. Alles nachvollziehbar. Nur ist keine dieser Reaktionen eine Lösung des strukturellen Problems, das die Sonderausgabe beschrieben hat — dass die Ausweichroute für Hormus ausgerechnet im zweiten Nadelöhr endet. Reaktion ist nicht Resilienz. Diese Woche zeigt das gleich viermal.

Nahost: Die Antwort kommt — der Engpass bleibt

Die Lage hat sich seit Donnerstag weiterentwickelt, und zwar in Richtung institutioneller Reaktion. Die Europäische Union baut ihre Rote-Meer-Mission EUNAVFOR ASPIDES aus, nachdem die Huthi mit der Schließung des Bab al-Mandab gedroht hatten. Die von Saudi-Arabien geführte Militärkoalition hat operative Maßnahmen zum Schutz der Schifffahrt in der Meerenge umgesetzt. Und der Preis reagiert: Brent liegt seit Beginn der Blockade wieder über 100 Dollar je Barrel.

Das ist die gute Nachricht — es wird gehandelt. Die schlechte steht daneben: Am 21. Juli haben die Huthi zwei Supertanker zur Umkehr gezwungen, die saudisches Rohöl vom Hafen Yanbu nach China und Indien bringen sollten. Rund vier Millionen Barrel pro Tag laufen inzwischen über die Ost-West-Pipeline und das Rote Meer — also genau durch den Korridor, der jetzt unter Druck steht. Die Verlagerung, die Hormus umgehen sollte, hat die Abhängigkeit vom Bab al-Mandab erst geschaffen.

Eine Marinemission und Koalitionsschutz erhöhen die Sicherheit der Passage. Sie ändern nichts daran, dass ein Großteil der saudischen Exporte auf einen einzigen, angreifbaren Punkt kanalisiert ist. Iran hat das erkannt: Militärvertreter deuten den Bab al-Mandab offen als „zweite Straße von Hormus“ an — als Hebel, den Teheran über die Huthi bedienen kann, ohne eigene Kräfte einzusetzen. Wer hier auf ein baldiges Normalisierungsdatum plant, verwechselt die Reaktion mit der Lösung. Der Preis überträgt das Risiko unmittelbar in den Alltag: Über einen anziehenden Brent-Kurs laufen höhere Sprit- und Gaskosten in die Kalkulation, und das zu einem Zeitpunkt, an dem die europäischen Gasspeicher ihre Winterziele erst noch erreichen müssen.

Supplier Sprawl: Mehr Lieferanten sind nicht mehr Sicherheit

Der zweite Fall der Woche liegt näher am eigenen Einkauf. Nach Jahren der Störungen haben viele Hersteller mit Lieferantendiversifizierung reagiert — mehr Quellen, mehr Geografien, mehr Ausweichoptionen. Der Reflex ist richtig. Doch eine aktuelle Auswertung beschreibt, wie daraus „Supplier Sprawl“ wird: ein Wildwuchs an Lieferanten, der versteckte Kosten und operative Komplexität erzeugt, ohne automatisch Sicherheit zu schaffen.

Die Zahl dahinter ist ernüchternd: Echtzeit-Sichtbarkeit gilt inzwischen als Basisfähigkeit, 67 Prozent der Unternehmen haben im vergangenen Jahr entsprechende Transformationsinitiativen gestartet — aber nur zehn Prozent haben ihre drei wichtigsten strategischen Ziele erreicht. Das ist dasselbe Muster wie im Nahen Osten, nur im Kleinen: Wer einen zweiten Lieferanten aufbaut, aber nicht sieht, dass dieser beim selben Vorlieferanten kauft, hat die Zahl der Verträge erhöht und das Risiko nicht gesenkt. Jeder zusätzliche Lieferant bringt eigenes Onboarding, eigene Qualitätsaudits, eigene Abstimmungsschleifen — Komplexität, die als Kosten erst sichtbar wird, wenn niemand mehr den Überblick hat. Diversifizierung ohne Transparenz ist Reaktion, nicht Resilienz.

EU-Zoll auf Billig-Importe: Regel jetzt, Reibung sofort

Der dritte Fall ist regulatorisch. Die EU hat einen Zoll von drei Euro auf geringwertige E-Commerce-Sendungen eingeführt — eine Antwort auf die Flut an Kleinsendungen, die bislang zollfrei in den Binnenmarkt kamen. Bislang kamen solche Kleinsendungen unterhalb der Freigrenze zollfrei in den Binnenmarkt — bei dreistelligen Millionenzahlen an Paketen ein spürbarer Strom. Die Stoßrichtung ist politisch begründbar; die operative Folge ist unmittelbar spürbar. Wer viele niedrigpreisige Sendungen abwickelt, muss Zolldeklaration, Verzollungsprozesse und Landed-Cost-Kalkulation kurzfristig anpassen.

Auch das ist ein Reflex der richtigen Art mit einer Reibung, die man einplanen muss. Für Beschaffung und Fulfillment heißt das konkret: Sendungsstrukturen prüfen, Schwellenwerte neu kalkulieren, und die Zusatzkosten dorthin durchreichen oder abfangen, wo sie anfallen — bevor sie als Überraschung in der Marge landen.

Rhein: Der kurze Anstieg kehrt den Trend nicht um

Der vierte Fall schließt an den Aufmacher der Vorwoche an. Der Pegel Kaub war Mitte Juli auf 41 Zentimeter gefallen, mehr als achtzig Zentimeter unter dem Stand von Anfang Juli. Ein kurzer, regenbedingter Anstieg um den 20. bis 22. Juli hat die Lage vorübergehend entspannt — aber die Bundesanstalt für Gewässerkunde sieht die Pegel ab dem 24. Juli mit hoher Wahrscheinlichkeit wieder unter der Niedrigwassermarke, bis Monatsende. Bei rund vierzig Zentimetern läuft die Schifffahrt im Notmodus. Betroffen sind vor allem Rohstoffe und Vorprodukte aus Stahl-, Chemie- und Mineralölindustrie; der Rhein wickelt rund siebzig Prozent der deutschen Binnenschifffahrtsleistung ab und verbindet die Nordseehäfen mit der Industrieachse bis Basel.

Auch hier gilt: Der Wetterausschlag ist eine Reaktion, keine Wende. Eine nachhaltige Entspannung bräuchte wochenlangen Regen im gesamten Rheineinzugsgebiet, und den verspricht keine Prognose. Der Rhein bleibt damit das, was er in der Vorwoche war — eine europäische Arterie unter Druck, mit der Bahn als teilweise gesperrtem Ausweg.

Was das für Ihre Lieferkette bedeutet

Das verbindende Muster der Woche ist einfach und unbequem: Auf jede Störung folgt ein Reflex, und der Reflex fühlt sich wie eine Lösung an. Ist er aber nicht. Eine Marinemission schützt die Passage, verkleinert aber nicht die Abhängigkeit von ihr. Ein zweiter Lieferant erhöht die Zahl der Optionen, nicht zwingend die Sicherheit. Ein Pegelanstieg mildert den Tag, nicht den Sommer. Resilienz entsteht erst eine Ebene tiefer — in der Struktur.

  • Prüfen Sie Ihre Ausweichwege bis zum letzten gemeinsamen Punkt — bei Routen wie bei Lieferanten. Zwei Wege, die sich kreuzen, sind einer.
  • Investieren Sie in Sichtbarkeit, bevor Sie in Diversifizierung investieren. Ein Lieferant, den Sie nicht bis zur Vorstufe sehen, ist kein zweiter Weg.
  • Rechnen Sie den neuen EU-Zoll und veränderte Zollprozesse jetzt in Ihre Landed-Cost-Kalkulation ein, nicht nach dem ersten Margenschock.
  • Halten Sie Rhein-Pegel und Seeweg-Risiken als laufende Planungsgröße, nicht als Störmeldung.
  • Trennen Sie in jeder Lage Reaktion von Struktur: Was löst das Problem heute — und was verändert die Abhängigkeit dahinter?

Die Sonderausgabe zum Bab al-Mandab bleibt der vertiefte Hintergrund zu dieser Fortschreibung; wir aktualisieren erneut außerhalb des Rhythmus, falls sich die Lage wesentlich ändert.

Quellen

  • Euronews, EU verstärkt Rote-Meer-Mission EUNAVFOR ASPIDES, 17.07.2026: https://de.euronews.com/2026/07/17/eu-starkt-rote-meer-mission-houthis-drohen-bab-el-mandeb-zu-schliessen
  • VT Markets, Umleitung saudischen Öls über Bab al-Mandab, Koalitions-Schutzmaßnahmen, ~4 Mio. Barrel/Tag, 21.07.2026: https://www.vtmarkets.com/de-eu/live-updates/hormus-storungen-leiten-saudisches-ol-uber-bab-al-mandab-um-und-erhohen-das-risiko-fur-die-schifffahrt-im-roten-meer/
  • t-online (Jakob Hartung), Bab al-Mandab, Brent über 100 Dollar, 25.07.2026: https://www.t-online.de/finanzen/aktuelles/wirtschaft/id_101354416/huthis-blockieren-bab-al-mandab-fuer-deutschland-wird-das-auch-teuer.html
  • The Loadstar, EU führt 3-Euro-Zoll auf geringwertige E-Commerce-Importe ein, 22.07.2026: https://theloadstar.com/
  • Intelligent Audit, Shippers News Brief (Supplier Sprawl, Visibility-Ziele), 20.07.2026: https://www.intelligentaudit.com/blog/ia-insights-july-20-2026
  • freightperspectives / BfG, Rhein-Pegel Kaub, 14-Tage-Prognose, Juli 2026: https://www.freightperspectives.com/p/rhine-water-levels-2026-kaub-forecast

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