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JIT-Serie Teil 3 von 3: Leergut halbieren, LKW besser füllen — wie ein Gestellkonzept die Sitzlogistik transformiert hat

5 Min. Lesezeit Henrik Schneider
Real-Case Cover: Leergut halbieren, LKW besser füllen — wie ein Gestellkonzep

In diesem Format beleuchten wir reale Lessons-Learned-Fälle aus unserem Projektfundus und dem Logistik- und SCM-Kosmos. Wir zeigen die Ausgangslage, den Umsetzungsansatz beziehungsweise die Lösung sowie die konkreten Maßnahmen.

In den ersten beiden Teilen dieser Serie haben wir gezeigt, wie ein europäischer OEM seine Materialversorgung an der Endmontage Schritt für Schritt transformiert hat: von der Direktanlieferung lackierter Großbauteile (Teil 1) über die Lieferanten-Sequenzierung variantenreicher Baugruppen (Teil 2) bis zur heutigen Abschlussausgabe — der Sitzlogistik.

Warum die Sitze den Abschluss bilden? Weil hier alle bisherigen Prinzipien zusammenkommen — und eine neue Dimension hinzukommt: das Behälter- und Transportdesign als strategischer Hebel.

Ausgangslage: Gitterboxen, Leerfahrten und ein Designproblem

Die Versorgung der Sitzmodule lief über den externen Sitzhersteller, Entfernung circa 160 Kilometer. Geliefert wurde in klassischen Gitterboxen — dem Standardbehälter der Automobillogistik. Das funktionierte grundsätzlich, hatte aber drei fundamentale Schwächen:

Problem 1: Die LKW-Auslastung im Leergut war katastrophal. Gitterboxen lassen sich nicht zusammenklappen. Ein LKW, der volle Gitterboxen bringt, fährt mit leeren Gitterboxen zurück — bei identischem Volumen. Das bedeutet: jeder zweite Transportkilometer ist im Grunde eine Leerfahrt.

Problem 2: Die Anlieferfrequenz war zu niedrig. Zwei bis drei Lieferungen pro Woche mit jeweils 64 Behältern. Das erforderte große Pufferflächen am Band und machte den Prozess anfällig für Mengenschwankungen.

Problem 3: Schadensrisiko. Sitze sind empfindlich — Kratzer, Druckstellen, Verschmutzung. Gitterboxen bieten begrenzten Schutz, insbesondere bei Mehrfachstapelung.

Die Frage war: Gibt es einen Behälter, der alle drei Probleme gleichzeitig löst?

Umsetzungsansatz: Ein klappbares Gestell verändert die gesamte Gleichung

Die Antwort kam aus dem Verpackungsdesign: ein klappbares Sitzgestell, 2400 × 1000 mm Grundmaß, gesichert durch Netz und Spanngurt, bedienbar durch eine Person.

Das Konzept wurde in sechs Phasen entwickelt und umgesetzt:

Phase 1 — IST-Analyse: Containerschleife, Umläufe, Schadquoten und LKW-Auslastung wurden vollständig erfasst. Die Daten zeigten: Bei der bestehenden Gitterbox-Lösung lag die Leergut-Auslastung bei unter 30% — wirtschaftlich nicht tragbar.

Phase 2 — Konzeptvergleich: GLT-Gitterbox gegen klappbares Sitzgestell. Entscheidende Kriterien: Klappbarkeit (Leergut-Volumen), Niederzurrfähigkeit (Transportsicherheit), Ein-Mann-Bedienung (Personalaufwand) und Schutzwirkung für die Sitzoberflächen.

Phase 3 — Transport- und Taktplanung: Der Wechsel vom Gitterbox- zum Gestellkonzept veränderte den gesamten Anlieferrhythmus. Statt 2-3 Lieferungen pro Woche mit 64 Behältern: 5 Lieferungen pro Woche mit 36 Behältern. Kleinere Lose, höhere Frequenz, geringerer Pufferbedarf. Die Frozen-Zone wurde auf circa 10 Stunden definiert, der Prozesspuffer auf 1-2 Schichten.

Phase 4 — JIT/JIS-Prozessdesign: Elektronische EDI-Abrufe ersetzen die manuelle Disposition. RFID-Gates am Werktor buchen das Gestell automatisch ein und triggern den Sequenzabruf. Ein geführtes Ramp-Time-Window reduziert die Hofwartezeit.

Phase 5 — Wirtschaftlichkeits- und Risikoanalyse: TCO-Berechnung inklusive Leerfahrtenkosten, Autobahnstaurisiko und Schadenwahrscheinlichkeit. Der Business Case war eindeutig — die Investition in die Gestelle amortisierte sich innerhalb von 14 Monaten.

Phase 6 — Pilot und Roll-out: Gestellbeschaffung, EDI-Onboarding beim Lieferanten, Schulung der Logistik- und Montageteams. Serienbetrieb.

Lösung: Was das Gestellkonzept konkret verändert hat

Leerguttransporte halbiert. Klappbare Gestelle reduzieren das Leergutvolumen auf unter die Hälfte. Der LKW-Füllgrad im Rücktransport stieg von unter 30% auf über 50% — das sind weniger Fahrten, weniger Kosten, weniger CO2.

Be- und Entladezeiten verkürzt. Ein-Mann-Bedienung durch Netz-/Spanngurt-System statt aufwändiger Gitterbox-Manipulation. Die Entladung wurde schneller und sicherer.

Flächenbedarf am Band reduziert. Kleinere Losgrößen bei höherer Frequenz: 36 statt 64 Behälter pro Lieferung. Das befreit Bandnahfläche für andere Verwendungen.

Puffermanagement differenziert. Renner-Varianten laufen JIS (sequenzgenau). Exoten-Varianten laufen JIT-gemischt in einem separaten Gestell mit Sicherheitspuffer. Keine Übersteuerung — jede Variante bekommt die Versorgungslogik, die zu ihrer Umschlagshäufigkeit passt.

Schadquote gesenkt. Das Gestelldesign bietet besseren Schutz als die Gitterbox. Transportsensoren (Neigungs- und Schocklogger) wurden als digitale Erweiterung bereits konzipiert.

Maßnahmen: Best Practices für Ihre Sitzlogistik und sperrige Baugruppen

Behälter als strategisches Design-Element verstehen: Der Behälter ist nicht „Verpackung“ — er ist ein Prozess-Enabler. Klappbarkeit, Niederzurrfähigkeit und Ein-Mann-Bedienung sind keine Nice-to-haves, sondern TCO-Hebel.

Lastsimulation vor Investition: Bevor Sie Gestelle beschaffen, simulieren Sie die Beladung. LKW-Füllgrad über 85% im Vollgut und über 50% im Leergut sollte das Ziel sein. Ohne Simulation investieren Sie blind.

Frozen-Zone und Puffer differenzieren: 10 Stunden Frozen-Zone hat sich in diesem Projekt als belastbar erwiesen. Der Puffer sollte nach Variantentyp differenziert werden — nicht alles über einen Kamm scheren.

Pooling-Konzept frühzeitig planen: Klappbare Gestelle ermöglichen Pooling über mehrere Standorte. Das senkt den Gesamtbestand an Gestellen und die Kapitalbindung. Rückführ- und Reinigungsprozesse von Anfang an mitdenken.

Risiko-Fallback definieren: Bei 160 km Entfernung und JIT-Belieferung ist ein Stau kein theoretisches Risiko. Definieren Sie Sonderfahrt-Szenarien mit einer Reaktionszeit unter 5 Stunden.

Was bedeutet das für Ihr Unternehmen?

1. Wie hoch ist die LKW-Auslastung Ihrer Leerguttransporte? Wenn Sie Gitterboxen oder Großladungsträger ungefaltet zurückfahren, transportieren Sie Luft — und bezahlen dafür.

2. Haben Sie den Behälterkreislauf als TCO-Position kalkuliert — oder ist er ein „Overhead“, den niemand hinterfragt? In vielen Unternehmen steckt in der Leergutlogistik ein sechsstelliges jährliches Einsparpotenzial.

3. Können Ihre Behälter von einer Person gehandhabt werden — oder brauchen Sie für jede Be- und Entladung zwei Mitarbeiter plus Stapler? Ergonomie ist kein Sozialthema, sondern ein Kostenfaktor.

Fazit der JIT-Serie:

Die drei Teile dieser Serie zeigen einen Bogen, den viele produzierende Unternehmen gehen können — unabhängig von der Branche: von der Direktanlieferung (Umladestufen eliminieren) über die Sequenzierung (Verantwortung an Lieferanten verlagern) bis zum Behälterdesign (Transportkosten und Flächen optimieren). Jeder Schritt baut auf dem vorherigen auf. Und jeder Schritt erfordert saubere Daten, klare Prozesse und eine IT-Infrastruktur, die mitspielt.

Anonymisierter Projektfall aus dem SCM-Projektfundus.

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