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Intralogistik neu getaktet — Teil 2 von 3: Staplerleitsystem statt Zuruf

7 Min. Lesezeit Henrik Schneider
Real-Case Cover: Staplerleitsystem statt Zuruf

In diesem Format beleuchten wir reale Lessons-Learned-Fälle aus unserem Projektfundus und dem Logistik- und SCM-Kosmos. Wir zeigen die Ausgangslage, den Umsetzungsansatz beziehungsweise die Lösung sowie die konkreten Maßnahmen.

Teil 1 dieser Serie hat gezeigt, wo Transparenz entsteht: an der Quelle, nicht an der Senke. Teil 2 baut darauf auf und beantwortet die Anschlussfrage — was mit dieser Transparenz geschieht. Denn ein sauber erfasster Transportbedarf ist nur die halbe Miete. Erst wenn daraus die richtigen Fahraufträge in der richtigen Reihenfolge werden, hört die Staplerflotte auf, nach Sichtweite zu fahren, und beginnt, nach Priorität zu arbeiten. Genau das leistet ein Staplerleitsystem — und genau deshalb ist es kein Hardware-Projekt.

Ausgangslage: Fahraufträge auf Papier

Der innerbetriebliche Transport wurde manuell und papierbasiert gesteuert. Eine Flotte aus Staplern und weiteren Flurförderfahrzeugen bediente mehrere Fertigungs-, Lager- und Versandbereiche — ohne systemische Priorisierung, ohne durchgängige Statusverfolgung. Parallel stand ein ERP-Roll-out an, mit Modulen für Lager-, Material- und Produktionssteuerung. Die Entscheidung war goldrichtig: das Staplerleitsystem nicht nachgelagert, sondern gemeinsam mit dem ERP einzuführen, damit Leergut- und Materialflüsse bedarfsgerecht, kanban-ähnlich und nahezu ohne Leerfahrten laufen.

Damit ist auch der rote Faden zu Teil 1 gespannt: Dort war die dezentrale Auftragserstellung ohne Prioritätslogik der Grund für Leerfahrten. Hier wird sie behoben — indem die Auftragsvergabe vom Zuruf in ein System wandert.

Der Kern: system-geführte Task-Vergabe — mit Notausgang

Das Herzstück ist die Logik, nach der Fahraufträge vergeben werden. Das Zielbild ist die „system-geführte„ Task-Vergabe: Das System entscheidet auf Basis von Priorität, Wegeoptimierung und Ressourcenverfügbarkeit, welcher Stapler welchen Auftrag als Nächstes übernimmt. Entscheidend ist aber der zweite Teil — ein bewusst eingebauter Ausnahmemodus, in dem der Fahrer oder der Leitstand „user-geführt“ eingreifen kann. Ein Leitsystem, das keine Ausnahme kennt, wird in der Halle umgangen; eines, das den Eingriff geordnet zulässt, wird akzeptiert.

Technisch entsteht das über das Customizing eines Transport-Resource-Management-Moduls im ERP, ergänzt um zusätzliche Dialoge und — kritisch — eine saubere Schnittstelle zum Behältermanagement. Ausgelöst werden die Fahraufträge über e-Kanban-Trigger per Barcode oder Betriebsdatenerfassung, sichtbar im Leitstand. Der Bedarf meldet sich also selbst, statt dass jemand ihn per Zuruf weitergibt.

Methodisch lief das über ein sechsstufiges Modell: von der Initialisierung mit Stakeholder-Mapping über eine Prozess- und Anforderungsanalyse per Gemba-Walk und Value-Stream-Mapping, das Lösungsdesign mit TRM-Customizing und Schnittstellenkonzept, Realisierung mit mehrstufigen Integrationstests bis zu Inbetriebnahme mit Hyper-Care und Nachbetrachtung. Der oft unterschätzte Schritt zwei — erst in die Halle gehen und den Ist-Fluss aufnehmen, bevor customized wird — verhindert, dass ein System die falschen Prozesse perfekt abbildet.

Die kritischen Erfolgsfaktoren: Topologie und Termin

Zwei Dinge entscheiden über Erfolg oder Scheitern — und beide klingen unspektakulärer, als sie sind.

Erstens die Werkstopologie. Ein Staplerleitsystem ist nur so gut wie die Landkarte, auf der es rechnet: Knoten, Zonen, Übergabepunkte, Bereitstell- und Abholflächen, validierte Wegelängen. Ist diese Topologie unvollständig, optimiert das System auf einer falschen Realität — und die Fahrer verlieren nach der ersten falschen Routenempfehlung das Vertrauen. Eine iterative Simulation der Routennetze vor dem Go-live reduziert genau diese späteren Korrekturen.

Zweitens der Termin. Die Einführung des Staplerleitsystems muss strikt an den ERP-Roll-out gekoppelt sein — mit eingeplantem Zeitpuffer. Wer das Leitsystem an einen wackeligen ERP-Termin hängt, ohne Puffer, riskiert, dass beide Projekte sich gegenseitig ins Wanken bringen. Dazu kommen die frühe Definition von Aufgaben- und Ressourcentypen (sie erleichtert die Qualifikations- und Kapazitätsplanung) und die rechtzeitige Abstimmung der Hardware — robuste Terminals und Scanner für eine Umgebung mit Schmutz, Staub und Öl — mit dem Arbeitsschutz.

Best Practices: Cockpit, Cluster, paralleles Training

Aus dem Projekt lassen sich drei übertragbare Muster ableiten. Ein KPI-basiertes Leitstandscockpit macht Auftragsstatus, Ressourcenauslastung und Durchlaufzeiten in Echtzeit sichtbar — die Fortsetzung des Dashboard-Gedankens aus Teil 1, jetzt auf die Flotte angewandt. Ein Clustering der Fahrzeuge nach Einsatzbereichen und Ladungsträger-Typen sorgt dafür, dass nicht jeder Stapler alles fahren muss. Und der Parallelaufbau eines digitalen Schulungssystems — Demodatenbank plus eLearning — bringt die Fahrer an das System heran, bevor es produktiv geht. Denn auch hier gilt der Satz aus Teil 1: Über Erfolg oder Scheitern entscheidet die Halle, nicht das Lastenheft.

Woran sich der Erfolg messen lässt, war früh definiert: an der Auslastung der Fahrzeuge, an den Durchlaufzeiten der Transporte und an der Leerfahrten-Quote. Das ist der Punkt, den Teil 1 vorbereitet hat — ohne die Erfassung an der Quelle gäbe es diese Kennzahlen gar nicht. Getragen wurde das Vorhaben von einem breiten Kreis: Logistik-Projektleitung, ERP-Inhouse-Consulting, Werks-IT, Fertigungsplanung, Lagersteuerung, die Fahrer selbst, dazu Controlling und Qualitätsmanagement. Ein Staplerleitsystem berührt fast jede Funktion im Werk — und scheitert zuverlässig dort, wo eine davon erst nach dem Go-live eingebunden wird.

Der digitale Horizont — richtig sequenziert

Das Zielbild trägt weiter. Auf der etablierten Basis werden Indoor-Echtzeit-Ortung aller Fahrzeuge, ML-Prognosen des Fahrauftragsvolumens im 15-Minuten-Takt und ein digitaler Zwilling möglich, der Routenlast und Engpässe simuliert und Alternativen vorschlägt. Automatisches Slotting der Ladungsträger senkt die gefahrenen Distanzkilometer. Aber die Reihenfolge bleibt streng: erst ein stabiles, system-geführtes Leitsystem auf sauberer Topologie, dann die KI-Optimierung darüber. Eine akkurate Stapler-Lokalisierung im Bereich von ±15 Zentimetern ist Voraussetzung — und ein Pilot in einem begrenzten Hallenabschnitt liefert den Proof-of-Concept, bevor auf weitere Bereiche skaliert wird. Wer mit der KI beginnt, bevor die Auftragslogik steht, optimiert eine Steuerung, die es noch gar nicht gibt.

Ehrlich bleibt: Auch Teil 2 ist ein Methoden- und Zielbild-Fall, keine Erfolgsmeldung mit Prozentzahl. Der Wert liegt in der Sequenz und in der Auftragslogik — dem Hebel, den Teil 1 angekündigt hat.

Maßnahmen — sofort umsetzbar für Ihr Staplerleitsystem

→ Behandeln Sie das Staplerleitsystem als Auftragslogik-Projekt, nicht als Hardware-Beschaffung. Die Terminals sind das Sichtbare; die Vergabelogik ist das Entscheidende.

→ Bauen Sie den Ausnahmemodus bewusst ein. Ein Leitsystem ohne geordneten Eingriff wird umgangen — und dann steuern Sie wieder per Zuruf, nur teurer.

→ Vervollständigen Sie die Werkstopologie, bevor Sie optimieren. Knoten, Übergabepunkte, Wegelängen — das System rechnet auf dieser Landkarte, nicht auf Ihrer Absicht.

→ Koppeln Sie den Go-live an den ERP-Termin, mit Puffer. Zwei Projekte ohne Puffer ziehen sich gegenseitig in die Verzögerung.

→ Schulen Sie parallel und praxisnah. Eine Demodatenbank plus eLearning bringt die Fahrer an das System, bevor der Ernstfall kommt.

→ Dokumentieren Sie den Notfallprozess. Bei Systemausfall muss die manuelle Buchung geübt und griffbereit sein — nicht improvisiert. Und pflegen Sie Routen und Ressourcentypen als Template: Neue Lagerbereiche lassen sich dann durch Kopieren der Zonengruppen und Geo-Koordinaten nachziehen, statt jedes Mal von vorn zu beginnen. Wer das Datenmodell sauber hält, macht die Ausweitung zur Fleißarbeit statt zum Folgeprojekt.

Was bedeutet das für Ihr Unternehmen?

→ Vergibt Ihr System die Fahraufträge nach Priorität — oder entscheidet weiterhin die Sichtweite des Fahrers?

→ Ist Ihre Werkstopologie vollständig genug, dass ein System darauf verlässlich routen könnte?

→ Hätten Ihre Fahrer im Störfall einen geordneten Ausnahmemodus — oder nur den Rückfall ins Papier?

Bemerkenswert an dieser Etappe ist, dass die Technik das kleinere Problem ist. Ein Staplerleitsystem lässt sich kaufen und customizen. Was es wirksam macht, ist die Auftragslogik dahinter und die Topologie darunter — und die Akzeptanz der Menschen, die damit fahren. In Teil 3 schließen wir die Serie: Wie die neuen Abläufe über die Systemintegration fest in die Lagersteuerung eingebunden wurden — und warum die Integration, nicht das Konzept, über den Erfolg entscheidet.

Anonymisierter Projektfall aus dem SCM-Projektfundus.

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