„Wir blicken auf das leere Meer und kennen keinen Tsunami.“ Mit diesem Bild beschreibt Herbert Saurugg den Zustand, in dem sich Europa im Frühjahr 2026 befindet. Seit dem 28. Februar fehlen dem Weltmarkt täglich zehn bis dreizehn Millionen Barrel Rohöl, zwanzig Prozent der globalen LNG-Exporte sind gestört. Die meisten reden über den Preis. Das eigentliche Problem ist ein anderes.
Der Gast und die Einordnung
Diese Sonderepisode eröffnet die Staffel „Lieferkette Energie“. Zu Gast ist Herbert Saurugg — ehemaliger Major im österreichischen Bundesheer, seit über fünfzehn Jahren Blackout- und Krisenvorsorgeexperte und Präsident der Gesellschaft für Krisenvorsorge. Christian Inderkum und ich sprechen mit ihm nicht über Politik, sondern über die Physik der Lieferketten: was reißt, in welcher Reihenfolge, und welche Kaskaden daraus entstehen.
Was die Episode behandelt
- Preisschock oder Verfügbarkeitsproblem. Warum die aktuelle Krise keine Frage teurer Rohstoffe ist, sondern eine Frage, ob sie überhaupt ankommen.
- Die Krise baut sich wellenförmig auf. Erst die Preise, dann die Allokation, dann der physische Ausfall — und jede Welle trifft andere Branchen.
- Die Harnstoff-Diesel-Kopplung. Warum Kerosin, AdBlue und Düngemittel gleichzeitig knapp werden und was das für Logistik und Landwirtschaft bedeutet.
- Waffenstillstand ist nicht Wiederherstellung. Warum ein Ende der Kampfhandlungen die Lieferkette nicht repariert und die Erholung Monate braucht.
Das Bild, das hängenbleibt
Ohne AdBlue steht kein moderner Diesel-Lkw. Die Abgasnachbehandlung erzwingt es, die Motorsteuerung riegelt sonst ab. Damit hängt an einem einzigen knappen Betriebsstoff nicht nur der Fernverkehr, sondern auch der Traktor auf dem Feld und der Dieselgenerator im Notfall. Eine Verfügbarkeitslücke bei Harnstoff wird so zur Lücke in der Nahrungsmittelversorgung — über eine Kopplung, die in keiner Risikobetrachtung auftaucht, weil sie quer zu den Branchen läuft.
Was das für Lieferketten bedeutet
Sauruggs zentrale Beobachtung ist die Truthahn-Illusion, die er in dieser und der Blackout-Folge ausführt: Wir schauen in den Rückspiegel, sehen kaum Störungen und leiten daraus ab, dass es schon gutgehen wird. Genau diese Logik versagt bei systemischen Risiken, weil das erste ernste Ereignis zugleich das letzte ist, aus dem man hätte lernen können.
Für die Supply-Chain-Praxis ist der Bruch mit dem Denken in Einzelrisiken der eigentliche Punkt. Wer Kerosin, AdBlue und Dünger getrennt bewertet, übersieht die gemeinsame Wurzel. Resilienz beginnt nicht bei der Absicherung einzelner Lieferanten, sondern beim Verständnis, welche Abhängigkeiten sich einen gemeinsamen Ausfallpunkt teilen.
Quellen
- Podcast „Logistik aus der Praxis„, Staffel „Lieferkette Energie — Wie sicher ist unsere Versorgung?“, Episode 0 mit Herbert Saurugg (Gesellschaft für Krisenvorsorge): https://open.spotify.com/episode/412IGQ1H96JNEMsvQ8vsmJ
- Gesellschaft für Krisenvorsorge, „Globaler Systembruch — Die vierte systemische Krise“: https://gfkv.org/Globaler-Systembruch