Supply Chain

EUDR déjà-vu: Wenn die EU Entwaldungs-Verordnung schon wieder verschoben wird – was heißt das für unsere Supply Chains?

9 Min. Lesezeit Henrik Schneider
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Die EU-Entwaldungsverordnung (EUDR) galt lange als Symbol für den Anspruch Europas, globale Lieferketten konsequent auf Entwaldungsfreiheit auszurichten. Nach der jüngsten Entscheidung der Kommission, die Anwendung ein weiteres Mal um mindestens zwölf Monate zu verschieben, steht jedoch weniger die Regulierung im Vordergrund als die Frage: Was machen wir als Verantwortliche in Logistik, Supply Chain und Produktion mit dieser „gewonnenen“ Zeit? Nutzen wir sie für strategischen Vorsprung – oder lassen wir zu, dass Unsicherheit Investitionen und Transformationspläne ausbremst?

Die EUDR zielt darauf ab, dass Produkte, die in der EU in Verkehr gebracht werden, nicht zur Abholzung oder Degradierung von Wäldern beitragen und in Einklang mit den Gesetzen der Erzeugerländer produziert wurden. Sie umfasst sieben Rohstoffe – Rinder, Kakao, Kaffee, Palmöl, Soja, Kautschuk und Holz – sowie eine lange Liste abgeleiteter Produkte von Schokolade über Leder bis hin zu Möbeln und Papier.

Unternehmen müssen nachweisen können, dass ihre Ware nicht von nach dem 31.12.2020 entwaldeten Flächen stammt, lokale Umwelt- und Sozialgesetze eingehalten wurden und die Lieferungen bis zur Parzelle zurückverfolgbar sind.

Ursprünglich sollte die EUDR nach einem Übergangszeitraum ab Ende 2024 bzw. 2025 greifen. Inzwischen hat die EU bereits einmal eine zusätzliche Übergangsfrist von zwölf Monaten eingeräumt – und im Herbst 2025 eine weitere Verschiebung um ein Jahr vorgeschlagen. Offiziell wird dies vor allem mit der mangelnden Einsatzfähigkeit des zentralen IT-Systems für die enorme Datenmenge begründet, die aus Millionen von Sorgfaltserklärungen zu verarbeiten ist. Mehrere Mitgliedstaaten drängten darauf, die Anwendung „zu stoppen“, bis das System stabil laufe und Behörden wie Unternehmen besser vorbereitet sind.

Die Reaktionen aus der Wirtschaft sind gespalten. Auf der einen Seite stehen Verbände und Teile der Land- und Forstwirtschaft, die vor Überforderung kleiner Produzenten warnen und eine Phase mit vereinfachten Pflichten fordern. Auf der anderen Seite haben große Marken wie Nestlé, Ferrero oder Olam Agri die wiederholte Verzögerung öffentlich kritisiert. Sie haben in Rückverfolgbarkeits-Systeme, Satelliten-Monitoring und Farmer-Programme investiert und sehen ihre Vorleistungen und Planbarkeit gefährdet. In offenen Briefen an die Kommission warnen sie vor einem Vertrauensverlust in die europäische Klimapolitik und fordern klare, verlässliche Rahmenbedingungen – notfalls mit längeren Übergangsfristen ohne Sanktionen, aber ohne erneutes Aufschnüren der Inhalte. (Financial Times)

Für die Logistik- und Supply-Chain-Praxis bedeutet das: Wir haben es mit einer Regulierung zu tun, die operativ tief in Netze, Prozesse und IT eingreift – deren Startpunkt aber politisch verschoben wird, während die inhaltliche Richtung unverändert bleibt. EUDR ist keine „Green Nice-to-have“-Norm, sondern betrifft Beschaffungsstrategie, Netzwerkdesign, Transport, Lagerstandorte und Datenarchitektur gleichermaßen. Vom Hafenumschlag über Cross-Dock-Standorte bis zum Werkslager müssen Datenflüsse organisiert werden, die vom Endprodukt zurück zur Plantage, Ranch oder Holzkonzession reichen. Eine Verschiebung verschafft hier Zeit, nimmt aber keines der strukturellen Probleme von Datenverfügbarkeit, Lieferanten-Onboarding, Systemintegration oder Governance.

Die aktuelle Ausgabe des „State of Supply Chain Sustainability“ des MIT Center for Transportation & Logistics und der CSCMP zeigt, dass Nachhaltigkeit in globalen Lieferketten trotz wirtschaftlicher und regulatorischer Turbulenzen strategisch oben bleibt. In den letzten Berichten berichten rund 80–85 % der befragten Unternehmen, dass Supply-Chain-Nachhaltigkeit für ihr Unternehmen wichtig oder sehr wichtig ist – gleichzeitig bleibt der Fokus in vielen Organisationen stark compliance-getrieben: Man reagiert auf Anforderungen, statt proaktiv ein Zielbild zu definieren. Aktuelle Analysen betonen, dass regulatorische Volatilität zwar Unsicherheit schafft, die grundsätzliche Investitionsbereitschaft in nachhaltige Lieferketten aber nicht geschwächt hat. (MIT Sustainable Supply Chain Lab)

Ähnlich ordnet die Bundesvereinigung Logistik (BVL) das Thema ein. Die Studie „Trends und Strategien in Logistik und Supply Chain Management 2023/2024“ von Prof. Wolfgang Kersten und Kolleg:innen stellt die „Triple Transformation“ ins Zentrum: Digitalisierung, Nachhaltigkeit und Resilienz als gleichwertige und miteinander verflochtene Transformationspfade. EUDR ist ein Musterbeispiel dafür, wie alle drei Dimensionen zusammenwirken: Ohne digitale Rückverfolgbarkeit lassen sich weder Entwaldungsfreiheit noch Governance-Anforderungen erfüllen, und ohne resiliente Netzwerke gefährden neue Compliance-Risiken Verfügbarkeit und Kostenstrukturen. Die aktuelle 2025er-Ausgabe der Studie („Aufbruch im Umbruch“) bestätigt diese Stoßrichtung: Cybersicherheit und Digitalisierung stehen zwar ganz oben auf der Agenda, Nachhaltigkeit und regulatorischer Druck bleiben aber zentrale Treiber von Projekten entlang der Wertschöpfungskette. (BVL)

Prof. Richard Wilding bringt eine weitere wichtige Perspektive ins Spiel. Er beschreibt Supply-Chain-Management seit Jahren als „all about the management of relationships“ – Technologie und Regulierung sind Rahmenbedingungen, aber die eigentliche Wettbewerbsdifferenz entsteht in den Beziehungen zu Lieferanten, Kunden und weiteren Stakeholdern. (Westernacher Consulting) In seinem Konzept des „Supply Chain Temple of Resilience“ steht die Fähigkeit, Störungen zu antizipieren und gemeinsam mit Partnern robustere Strukturen aufzubauen, im Vordergrund. Genau hier entscheidet sich, ob die EUDR-Verschiebung zum strategischen Vorteil wird: Wer die zusätzliche Zeit nutzt, um Lieferanten zu segmentieren, gemeinsam Datenwege aufzubauen, Schulungen zu implementieren und Vertrauen in beide Richtungen zu schaffen, erhöht Resilienz und ESG-Leistungsfähigkeit zugleich. Wer abwartet, wird beim „Big Bang“ der Anwendung zwischen IT-Engpässen, mangelhaften Daten und regulatorischem Druck zerrieben.

Gartner fordert Supply-Chain-Verantwortliche seit einiger Zeit dazu auf, ihre Netze nicht nur effizient, sondern „purpose-driven“ auszurichten: Lieferketten sollen nicht nur Produkte wirtschaftlich bereitstellen, sondern zugleich messbare Beiträge für Umwelt und Gesellschaft leisten. In Studien und Keynotes betont Gartner, dass ein großer Teil der Supply-Chain-Leiter genau diesen Anspruch bereits formuliert – die Herausforderung liegt in der Übersetzung in klare Strategien, Kennzahlen und Investitionsprioritäten. (Gartner) EUDR ist in dieser Logik kein isoliertes Compliance-Projekt, sondern ein Baustein eines „purpose-driven, sustainable and connected supply chain“-Ansatzes: Wer seine Sourcing-Strategie und seine Netzwerke heute entlang von Waldschutz, menschenrechtlicher Sorgfalt und Klimazielen ausrichtet, reduziert nicht nur Sanktionsrisiken, sondern stärkt Markenwert, Mitarbeiter-Attraktivität und Finanzierungsmöglichkeiten.

Was heißt das konkret für Entscheider:innen in Logistik, Supply Chain, Werksleitung und Vorstand?

  • Die strategische Richtung hat sich nicht geändert. Entwaldungsfreie, transparente Lieferketten werden kommen – ob mit zwölf Monaten Verzögerung oder nicht. Die Frage ist weniger „ob“ als „in welchem Reifegrad“ Ihr Unternehmen 2026/2027 tatsächlich liefern kann.
  • Die eigentliche Komplexität liegt nicht im Gesetzestext, sondern in der operativen Umsetzung. Für viele Unternehmen bedeutet EUDR, dass sie Daten und Prozesse weit über Tier-1 hinaus in den Griff bekommen müssen, häufig in Regionen mit kleinteiligen Strukturen, schwacher Datenbasis und begrenztem IT-Zugang bei Landwirten oder kleinen Produzenten.
  • Logistik und Supply Chain werden zu Enablern – sie liefern nicht nur physische Bewegung, sondern auch die „Daten-Pipeline“, die EUDR, CSDDD und andere ESG-Regulierungen überhaupt erst möglich macht.

Damit wird EUDR zu einem echten C-Level-Thema. Vorstand und Geschäftsführung müssen Prioritäten und Ambitionsniveau klar definieren: Soll das Unternehmen nur formale Konformität erreichen – oder die Gelegenheit nutzen, die eigene Wertschöpfungskette auf ein neues Niveau von Transparenz und Resilienz zu heben? Kerstens „Triple Transformation“, Wildings Resilienz-Perspektive, die MIT-Datenlage und Gartners Purpose-Fokus zeigen in dieselbe Richtung: Wer jetzt aktiv gestaltet, statt abzuwarten, kann Risiken senken und gleichzeitig strategischen Mehrwert schaffen. (BVL)

Diese „verschenkte“ Zeit ist damit in Wahrheit eine strategische Schonfrist. Unternehmen, die sie nutzen, werden 2026 nicht nur Häkchen in Compliance-Checklisten setzen, sondern eine Lieferkette haben, die regulatorisch sicherer, operativ robuster und strategisch glaubwürdiger ist. Unternehmen, die warten, werden kurzfristig Ressourcen sparen – und mittelfristig doppelt zahlen: in Form von Ad-hoc-Projekten, Lieferunterbrechungen, Bußgeldern oder Reputationsschäden.

Mein Vorschlag an Sie als Entscheider:

Nutzen Sie die aktuelle Verzögerung der EUDR als Anlass, Ihr eigenes Ambitionsniveau zu überprüfen. Haben Sie eine klare Roadmap, wie Ihre Supply Chain entwaldungsfrei und rückverfolgbar wird? Sind Rollen, Verantwortlichkeiten und Budgets dafür definiert? Haben Sie die wichtigsten Lieferanten auf diesem Weg mitgenommen – und verfügen Sie über eine Datengrundlage, die nicht nur EUDR, sondern auch weitere ESG-Anforderungen trägt? Wenn Sie diese Fragen nicht mit einem klaren „Ja“ beantworten können, ist jetzt der richtige Zeitpunkt, ein strukturiertes Programm aufzusetzen oder zu schärfen.

Wenn Sie das Thema in Ihrem Verantwortungsbereich priorisieren oder neugestalten wollen, suchen Sie das Gespräch – intern mit Ihren Kolleg:innen in Einkauf, Nachhaltigkeit, IT und Finanzen, aber auch extern mit Partnern entlang der Wertschöpfungskette, wissenschaftlichen Institutionen und Branchenverbänden wie der BVL. Vernetzen Sie sich mit Expert:innen, die an der Schnittstelle von Regulierung, Supply Chain und Technologie arbeiten.

Je früher Sie aus einer „Abwarten“- in eine „Gestalten“-Haltung wechseln, desto größer wird der Vorsprung Ihrer Lieferkette in einem Europa, das Entwaldungsfreiheit und Nachhaltigkeit nicht aufgibt, sondern nur zeitlich nachjustiert.

Wir unterstützen Sie aktiv bei der Umsetzung!

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Ausgewählte Quellen EU-Kommission, EUDR & Verschiebung: https://ec.europa.eu/commission/presscorner/detail/en/ip_25_2464 (European Commission) https://environment.ec.europa.eu/topics/forests/deforestation/regulation-deforestation-free-products_en (Environment) https://www.ble.de/EN/Topics/Forest-Timber/Deforestation-free-products/Supply-chains_node.html (Ble) https://transition-pathways.europa.eu/textiles/legislative-developments/eu-deforestation-regulation-overview (EU Transition Pathways Plattform) https://assets.kpmg.com/content/dam/kpmg/be/pdf/SUS-ThoughtLeadership%E2%80%93EUDR-2025-EN-Brochure-A4-securised.pdf (KPMG Assets)

Berichterstattung zur Verzögerung und Unternehmensreaktionen: https://www.ft.com/content/ab4053ec-0a90-46da-a291-31f1c455663e (Financial Times) https://www.ft.com/content/75932ad6-6786-4cc3-997a-4835e4dfe8cb (Financial Times) https://www.reuters.com/sustainability/climate-energy/eu-will-delay-anti-deforestation-law-by-another-year-commissioner-says-2025-09-23/ (Reuters) https://www.reuters.com/sustainability/boards-policy-regulation/nestle-others-warn-eu-law-delays-are-endangering-forests-worldwide-2025-10-03/ (Reuters) https://www.foodnavigator.com/Article/2025/09/30/are-it-problems-really-to-blame-for-eudr-delay/ (FoodNavigator.com)

MIT Center for Transportation & Logistics – State of Supply Chain Sustainability: https://sustainable.mit.edu/sscs-report/ (MIT Sustainable Supply Chain Lab) https://sustainable.mit.edu/wp-content/uploads/2025/02/2024_State-Sustainable-Supply-Chains-MIT-CSCMP_Feb2025.pdf (MIT Sustainable Supply Chain Lab) https://supplychaindigital.com/news/mit-2025-state-of-supply-chain-sustainability-report (Supply Chain Digital)

BVL / Prof. Wolfgang Kersten – Triple Transformation: https://www.bvl-trends.de/ (BVL Trends) https://www.bvl.de/files/1951/1988/2128/TuS2324_Studienbericht.pdf (BVL) https://kps.com/de/insight/report/study-triple-transformation-bvl/ (KPS) https://www.dvz.de/unternehmen/logistik/detail/news/digitalisierungsthemen-stehen-im-fokus.html (DVZ)

Prof. Richard Wilding: https://westernacher.com/quest-professor-richard-wilding-supply-chain-management-is-all-about-the-management-of-relationships/ (Westernacher Consulting) https://www.cranfield.ac.uk/som/people/professor-richard-wilding-327515 (Cranfield University) https://www.richardwilding.info/blog.html (richardwilding.info)

Gartner & purpose-driven Supply Chains: https://www.gartner.com/en/supply-chain/topics/future-of-supply-chain (Gartner) https://www.gartner.com/en/articles/3-supply-chain-strategies-to-drive-purpose-driven-outcomes-for-a-fractured-world(Gartner) https://www.gartner.com/en/supply-chain/trends/pillars-of-purpose-driven-supply-chains (Gartner)

Der aktuelle Newsletter befasst sich mit der Verschiebung der EU-Entwaldungsverordnung und deren Auswirkungen auf die Supply Chain.

Die EU-Entwaldungsverordnung (EUDR) wird erneut um mindestens zwölf Monate verschoben, was Unternehmen vor die Frage stellt, wie sie diese Zeit strategisch nutzen können, um ihre Lieferketten entwaldungsfrei und nachhaltig zu gestalten. Die Verzögerung betrifft vor allem die technische Umsetzung und das zentrale IT-System, während die inhaltlichen Anforderungen unverändert bleiben.

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  • Ziele und Anforderungen der EUDR
  • Verzögerungen und Begründungen
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  • Auswirkungen auf Logistik und Supply Chain
  • Nachhaltigkeit und strategische Bedeutung
  • Beziehungsmanagement und Resilienz
  • Empfehlung für Entscheider

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