In diesem Format beleuchten wir reale Lessons-Learned-Fälle aus unserem Projektfundus und dem Logistik- und SCM-Kosmos. Wir zeigen die Ausgangslage, den Umsetzungsansatz beziehungsweise die Lösung sowie die konkreten Maßnahmen.
Make-or-Buy wird gern als Ja/Nein-Frage gestellt: Macht man die Logistik selbst oder gibt man sie ab? Dieser Fall zeigt, warum das die falsche Zuspitzung ist. Ein Schweizer Hersteller mit wachsendem EU-Anteil hat weder komplett ausgelagert noch alles im Eigenbetrieb behalten, sondern beides bewusst kombiniert — und genau darin lag der Hebel. Ein Hybridmodell ist kein fauler Mittelweg. Es ist eine Entwurfsentscheidung: Jeder Warenstrom geht dorthin, wo er am günstigsten und schnellsten bedient wird. Die Kunst ist nicht die Wahl der Seite, sondern der saubere Schnitt dazwischen.
Die Ausgangslage: aus der Schweiz in einen wachsenden EU-Markt
Der Ausgangspunkt war eine typische Wachstumsfalle. Das Unternehmen belieferte einen zunehmend europäischen Kundenkreis aus einer reinen Schweizer Lagerstruktur heraus. Was für den Heimatmarkt effizient war, wurde für den EU-Versand teuer: Bei jeder Sendung fielen Zoll- und Frachtkosten an, und die Lieferzeiten nach Deutschland waren länger, als es ein wachsender Markt verzeiht. Je größer der EU-Anteil wurde, desto stärker zog die alte Struktur die Marge nach unten. Das ist die eigentliche Pointe solcher Konstellationen: Nicht ein einzelner Fehler treibt die Kosten, sondern eine Struktur, die für einen kleineren Heimatmarkt richtig war und mit dem Wachstum unbemerkt zur falschen wurde.
Die Zielsetzung war entsprechend konkret: Lieferzeiten von 24 Stunden nach Deutschland, spürbare Kostenreduktion bei Zoll, Fracht und Struktur — und der Aufbau einer Hybridstruktur aus einem EU-Zentrallager und einem Schweizer Zwischenlager. Die Quelle beziffert das Einsparpotenzial auf bis zu fünfzig Prozent. Das ist ein Potenzial, kein Abrechnungsergebnis — aber es zeigt die Größenordnung dessen, was falsch geschnittene Logistik in einer solchen Konstellation kostet.
Der Ansatz: nicht ob, sondern wo die Naht sitzt
Der Kern der Lösung war die Zerlegung des Problems nach Strömen. Das EU-Volumen wandert in ein EU-Zentrallager, das ein Logistikdienstleister betreibt — dort zählen Reichweite, Skalierung und die Nähe zum europäischen Kunden. Der Schweizer Teil bleibt in einem Zwischenlager als Ergänzungslogik, wo Heimatmarkt und Zollgrenze eine eigene Behandlung verlangen. Entscheidend ist nicht, wer welchen Teil macht, sondern dass die Grenze zwischen beiden — physisch wie zollrechtlich — sauber definiert ist. Genau an dieser Naht entstehen sonst die Kosten, die ein Hybridmodell eigentlich vermeiden soll.
Damit diese Entscheidung nicht aus dem Bauch fiel, lief sie über ein strukturiertes Verfahren: eine Ausschreibung mit klarem Lastenheft, ein Angebotsvergleich über eine Bewertungsmatrix, eine belastbare Mengengerüstanalyse und eine SWOT-Betrachtung. Das Lastenheft beschrieb Ausgangslage und Ziel, das Mengengerüst mit Top-Artikeln und Umschlagsfrequenz, den IST/SOLL-Prozess, die IT-Anforderungen an ERP-Schnittstelle, Tracking und Retouren sowie die Serviceanforderungen an Zoll, Kommissionierung und Versand. Die Anbieter wurden nach Preisstruktur, Schnittstellenfähigkeit, Serviceumfang und Erfahrung bewertet — nicht nach dem Bauchgefühl, sondern nach einer Skala. Der Punkt dahinter: Ein Hybridmodell steht und fällt mit der Qualität der Ausschreibung, denn der Dienstleister übernimmt genau das, was das Lastenheft beschreibt — nicht mehr und nicht weniger.
Das Vorgehen in Phasen
Getragen wurde das Projekt von einem Kreis mit klaren Rollen: das Supply-Chain-Management in der Projektleitung, der Einkauf für Ausschreibung und Verhandlung, die Logistik für Mengenanalyse und Prozessdesign, die IT für ERP-Schnittstellen und Datenfluss und der Dienstleister für Konzept, Angebot und Umsetzung. Diese Rollenteilung ist beim Hybridmodell keine Formsache, weil an jeder Schnittstelle zwischen intern und extern eine Übergabe entsteht, die jemand verantworten muss.
Das Verfahren selbst folgte einem Modell in sieben Phasen: Analyse, Konzeption, Ausschreibung, Pilotierung, Umsetzung, Evaluation und Skalierung. Am Anfang steht die Entscheidungsgrundlage — Mengengerüst, IST-Kosten und Lieferzeiten erfassen, mündend in ein klares Go oder No-Go. Erst danach folgen Konzept und Ausschreibung, und erst nach einer Pilotierung die vollständige Umsetzung. Der Wert der Reihenfolge liegt wieder im Prinzip: Erst wird das Modell an einer skalierbaren Region bewiesen, dann ausgerollt — nicht umgekehrt. Und weil ein Hybridmodell nicht mit dem Go-live endet, gehört ein festes KPI-Set dazu: Lieferzeit nach Deutschland und Österreich, Fehlerquote in der Kommissionierung, Retourenquote, Lagerumschlag pro Jahr und die Systemverfügbarkeit des ERP. Monatlich gemessen, machen diese Kennzahlen sichtbar, ob die Naht zwischen Eigenbetrieb und Dienstleister im Alltag hält — oder ob sie leise wieder Kosten produziert.
Was schwieriger war als gedacht
Zur Ehrlichkeit gehört, dass das Einsparpotenzial die eine Seite ist und die Komplexität die andere. Die eigentliche Reibung lag in den Schnittstellen und in den Zollprozessen. Die Naht zwischen dem Schweizer und dem EU-Teil ist zollrechtlich kein Detail, sondern der Ort, an dem ein schlecht definierter Prozess still Geld verbrennt. Entsprechend war die saubere, getrennte Definition der Zollprozesse eine der Grundbedingungen, nicht ein nachgelagerter Punkt.
Die zweite Hürde war die Datenbasis. Ohne ein klares Mengengerüst und klar beschriebene Prozesse lässt sich weder ausschreiben noch vergleichen — die Quelle nennt die Wichtigkeit sauberer Mengengerüste ausdrücklich als Lehre. Und die dritte ist die Prozessübergabe an den Dienstleister selbst: Der Moment, in dem ein interner Ablauf zum externen Service wird, ist der riskanteste im ganzen Projekt. Er verlangt eine funktionierende ERP-Schnittstelle und einen gesicherten IT-Support, sonst bleibt das Hybridmodell auf dem Papier eleganter, als es im Betrieb läuft.
Was sich übertragen lässt
Das Modell ist für Schweizer Unternehmen mit hohem EU-Anteil sehr gut geeignet und methodisch skalierbar. Eine kurze Rollout-Checkliste macht früh klar, ob sich der Aufwand lohnt.
- Prüfen Sie zuerst den EU-Versandanteil. Liegt er über fünfzig Prozent, trägt ein EU-Zentrallager die Struktur; darunter lohnt der Umbau selten.
- Stellen Sie sicher, dass das ERP schnittstellenfähig ist. Ohne saubere Anbindung wird jede Auslagerung zur manuellen Dauerbaustelle.
- Erstellen Sie das Mengengerüst vollständig, bevor Sie ausschreiben. Ein Lastenheft ohne belastbare Mengen führt zu Angeboten, die man nicht vergleichen kann.
- Definieren Sie die CH- und EU-Zollprozesse getrennt und explizit. Die Naht ist der teuerste Punkt, wenn sie unscharf bleibt.
Als bewährte Praxis empfiehlt sich ein Benchmarking mit Voranbietern, eine differenzierte Kostenrechnung für den CH- und den EU-Teil und ein strukturiert erstelltes Lastenheft. Das Verfahren ist replizierbar — die Kriterien für weitere Standorte sind ein hoher EU-Versandanteil, ERP-Fähigkeit und die Bereitschaft, einen Dienstleister einzubinden. Die Umsetzungsempfehlung aus dem Projekt ist bewusst nüchtern: in einer skalierbaren Region pilotieren, das Schweizer Zwischenlager konsequent als Ergänzungslogik führen — nicht als zweites Volllager — und das Monitoring auf Monatsbasis fahren, damit Abweichungen auffallen, bevor sie zur Struktur werden.
Der digitale Ausblick
Die digitale Weiterentwicklung setzt genau an den Schwachstellen des analogen Modells an. Eine API-basierte ERP-Integration würde die Schnittstelle vom manuellen Dauerthema zum automatisierten Datenfluss machen, eine digitalisierte Zollabwicklung die teuerste Naht entschärfen, und eine automatisierte Kommissionierung die Durchlaufzeit im EU-Zentrallager senken. Auf der Analyseseite lassen sich Prognosemodelle für Lagerplatz und Kommissionierung ebenso einsetzen wie eine KI-gestützte Optimierung der Sendungsbündelung und eine automatische Bewertung eingehender Offerten.
Der Weg dorthin folgt einer klaren Kette: Datenerhebung, Simulation der Hybridstruktur, API-basierte Integration, Live-Dashboard und automatisiertes Monitoring. Für die Planung eignen sich Simulationswerkzeuge wie AnyLogistix oder FlexSim, für die Auswertung Python und Pandas, für die Visualisierung PowerBI oder Tableau. Die kritischen Erfolgsfaktoren sind auch hier nicht die Werkzeuge, sondern die Datenqualität und eine zwingend vorhandene ERP-API. Kurz: Das Hybridmodell wird nicht dadurch besser, dass man es digitalisiert — sondern dadurch, dass man zuerst die Naht sauber schneidet und sie dann automatisiert.
Dieser Real Case beruht auf einem anonymisierten realen Projekt. Kennzahlen und Rahmendaten sind zum Schutz der Beteiligten verallgemeinert.
Anonymisierter Projektfall aus dem SCM-Projektfundus.