In der Logistik würde niemand alle Lkw morgens um acht Uhr gleichzeitig losschicken. Im Stromsystem machen wir genau das: Millionen Menschen laden abends um achtzehn Uhr gleichzeitig ihr E-Auto, schalten die Wärmepumpe ein, kochen. Lastspitze, und das Netz ächzt. Was wäre, wenn die Haushalte nicht das Problem wären, sondern die Lösung?
Der Gast und die Einordnung
Zu Gast ist Johan Warburg, Head of Flexibility Germany bei Octopus Energy. Er verantwortet Intelligent Octopus, ein System, das bereits heute rund 60.000 Geräte in Echtzeit steuert. Christian Inderkum und ich sprechen mit ihm über das letzte Glied der Energie-Lieferkette — den Verbraucher. Bemerkenswert ist, dass Warburg die Brücke zur Supply Chain selbst schlägt: Sein Bild vom Lkw-Takt stammt aus dem Gespräch, nicht aus unserer Nachbearbeitung.
Was die Episode behandelt
- Verbraucherflexibilität. Strom dann verbrauchen oder speichern, wenn er günstig, grün und netzdienlich verfügbar ist — statt starr zur gewohnten Uhrzeit.
- Lastverschieben in der Praxis. Wie das Laden automatisch in die günstigsten Stunden wandert, ohne dass der Kunde es merkt.
- 15 Gigawatt aus kleinen Geräten. Warum sechs Millionen gesteuerte Geräte die Leistung von zehn großen Gaskraftwerksblöcken ersetzen könnten.
- Die Grenzen. Gleichzeitigkeit, lokale Netzengpässe, Kundennutzen — und warum heutiges Lastverschieben noch kein bidirektionales Laden ist.
Das Bild, das hängenbleibt
Warburgs Kernsatz kehrt die Logik der Energiewelt um: Früher folgte die Erzeugung dem Verbrauch — man fuhr das Kraftwerk hoch, wenn die Nachfrage stieg. Heute, mit Millionen dezentraler Erzeuger, muss der Verbrauch der Erzeugung folgen. Genau hier setzt seine Logistik-Analogie an: So wenig, wie man alle Lkw gleichzeitig auf die Straße schickt, sollte man alle E-Autos zur selben Stunde laden. Die Taktung ist die Lösung, nicht mehr Kapazität.
Was das für Lieferketten bedeutet
Was Warburg beschreibt, ist Demand Shaping — Nachfrage aktiv formen, statt nur auf sie zu reagieren. In der Supply Chain ist das ein vertrautes Prinzip: Wer Bestellmuster glättet, statt Spitzen mit Kapazität zu erschlagen, senkt Kosten und Risiko zugleich. Der Peak um achtzehn Uhr ist die energiewirtschaftliche Version des Bullwhip-Effekts — synchronisiertes Verhalten, das sich zu einer Spitze auftürmt, die niemand braucht.
Der tiefere Punkt ist, dass Flexibilität selbst ein Rohstoff ist. Warburgs Bild von den sechs Millionen Geräten zeigt, dass verteilte, koordinierte Kleinstbeiträge eine Kapazität ergeben, die sonst ein Kraftwerk erbringen müsste. Für Lieferketten heißt das: Die ungenutzte Flexibilität im eigenen Netzwerk — verschiebbare Termine, koordinierbare Abrufe — ist oft die billigste Reserve, die man hat.
Quellen
Podcast „Logistik aus der Praxis“, Staffel „Lieferkette Energie — Wie sicher ist unsere Versorgung?“, Episode 4 mit Johan Warburg (Octopus Energy): https://open.spotify.com/episode/5qmQHQiQL5ZzXQjFnjE6qN