„Bei uns ist ja noch nie was passiert.“ Der Satz fühlt sich an wie Sicherheit. Tatsächlich ist er oft nur eines: die Abwesenheit der Prüfung. Mit diesem Gedanken startet eine neue Staffel — und verschiebt die Frage nach der Lieferkettensicherheit vom Appell zur Rechnung.
Der Rahmen und die Gäste
Vor einem Jahr endete hier eine Folge mit dem Fazit: Supply Chain Security ist Chefsache. Das war richtig — und, wie sich zeigt, zu wenig. Denn „Chefsache„ steht in vielen Unternehmen nur auf einer Folie, und sobald der eine Kopf, der sich kümmert, im Urlaub ist, steht alles still. Zum Auftakt der Staffel „Supply Chain Security“ spreche ich mit Thomas Kunz, Geschäftsführer von viGuard und seit Jahren auf physische Sicherheit spezialisiert, und Michael Buck, bereits aus früheren Folgen bekannt, der die Prozess- und Wissensebene einbringt.
Was die Episode behandelt
- Von der Chefsache zur Geschäftssache. Warum Sicherheit gerechnet, in die Roadmap und in den Business Case gehört, statt ein Appell auf einer Folie zu bleiben.
- Drei Ebenen, die zusammengehören. Physische Sicherheit am Werkstor, die Prozesse dahinter und das Wissen, das ein Unternehmen trägt — meist getrennt gedacht, tatsächlich untrennbar.
- Der blinde Fleck der Abhängigkeit. Warum nicht die gut geschützte Hauptanlage getroffen wird, sondern immer die Abhängigkeit dahinter.
- Excel, Papier und Telefon am Werkstor. Warum sich das hält — nicht aus Technikmangel, sondern weil Wissen nie aus den Köpfen in den Prozess gewandert ist.
- Der erste Schritt, der nichts kostet. Einmal selbst auf den eigenen Hof fahren und schauen, wer nachfragt.
Das Bild, das hängenbleibt
Michael Bucks Kernsatz trifft den Punkt der ganzen Folge: Der Zettel am Werkstor hält sich nicht aus Technikmangel, sondern weil das Wissen, wie man es richtig macht, nie aus den Köpfen in den Prozess gewandert ist. Erst wenn der ungeschriebene Ablauf digital dokumentiert ist, steht er nicht mehr nur in einem Kopf. Genau deshalb ist Digitalisierung am Werkstor ein Sicherheitsthema, kein IT-Thema — sie überführt fragiles Einzelwissen in einen Prozess, der auch dann trägt, wenn der Kopf fehlt.
Was das für Lieferketten bedeutet
Die Staffel knüpft bewusst an die Truthahn-Analogie aus der Energie-Staffel an: „Es ist noch nie was passiert“ ist derselbe Denkfehler, ob bei der Stromversorgung oder am Werkstor — die Statistik der Vergangenheit sagt nichts über das eine Ereignis, das zählt. Sicherheit als Abwesenheit von Vorfällen zu definieren, verwechselt Glück mit Resilienz.
Der Perspektivwechsel von der Kostenstelle zur Investition ist die eigentliche These. Wer Abhängigkeiten einmal ehrlich kartiert, sieht, dass ein einzelner Übergriff immense Prozessfolgen haben kann — und dass die Absicherung dagegen keine Ausgabe ohne Gegenwert ist, sondern eine mit Amortisation. Das ist dieselbe Logik, die jede Resilienzentscheidung in der Supply Chain trägt: Der zweite Lieferant, der dokumentierte Prozess, die kartierte Abhängigkeit wirken als Kostenposten und sind doch eine Investition in Handlungsfähigkeit.
Quellen
Podcast „Logistik aus der Praxis“, Staffel „Supply Chain Security“, Auftaktfolge mit Thomas Kunz (viGuard) und Michael Buck: https://open.spotify.com/episode/2EVcQA9awbd7odjmA2CsNc