„Es geht nicht um den Stromausfall — sondern um den Lieferkettenkollaps danach.“ Drei Blackouts in Europa innerhalb eines Jahres, und die meisten haben nichts davon mitbekommen. Berlin 2026: 100.000 Menschen, vier Tage ohne Strom. Spanien und Portugal 2025: Millionen betroffen. Die Energiewirtschaft nennt das unwahrscheinlich, aber nicht ausgeschlossen. Herbert Saurugg nennt es fahrlässig.
Der Gast und die Einordnung
Zum zweiten Mal in dieser Staffel zu Gast ist Herbert Saurugg, Präsident der Gesellschaft für Krisenvorsorge und seit über fünfzehn Jahren Blackout-Experte. Christian Inderkum und ich sortieren mit ihm die Fakten hinter der Angst — nicht um zu beruhigen oder zu dramatisieren, sondern um die Frage zu klären, was ein längerer Ausfall für eine Gesellschaft bedeutet, die auf durchlaufende Lieferketten gebaut ist.
Was die Episode behandelt
- Drei Blackouts, kaum Wahrnehmung. Warum Europa binnen eines Jahres mehrfach betroffen war und weshalb das öffentlich kaum ankam.
- Die Truthahn-Illusion. Was die fehlende Vorgeschichte mit unserer systematischen Unterschätzung von Ausfallrisiken zu tun hat.
- Die ersten 24 und die kritischen 72 Stunden. Was schrittweise ausfällt und ab wann die Lage eskaliert.
- 14 statt 3 Tage Eigenvorsorge. Warum Saurugg deutlich über die offizielle Empfehlung hinausgeht und was Selbstwirksamkeit in der Krise bedeutet.
Das Bild, das hängenbleibt
Die Truthahn-Illusion ist Sauruggs eindrücklichstes Bild. Der Truthahn wird jeden Tag gefüttert und schließt aus jeder Fütterung, dass die Welt sicher ist — bis Thanksgiving kommt. Genauso schauen wir auf Stromausfälle: Weil in der Vergangenheit selten etwas passiert ist, halten wir das nächste Ereignis für unwahrscheinlich. Doch die Statistik der Vergangenheit sagt bei systemischen Risiken nichts über die Zukunft, denn das eine große Ereignis, das zählt, ist in ihr noch nicht enthalten.
Was das für Lieferketten bedeutet
Der Kern der Folge ist die Kaskade nach dem Ausfall. Nach 72 Stunden ohne Strom fallen Telekommunikation, Logistik und Zahlungssysteme gleichzeitig aus — keine Treibstoffversorgung, keine Warenverteilung, keine Kühlung. Der Stromausfall ist nur der Auslöser; der Schaden entsteht im Zusammenbruch der davon abhängigen Ketten.
Für die Supply-Chain-Praxis ist das ein Argument gegen die Betrachtung einzelner Ausfälle. Ein Unternehmen kann seine eigene Notstromversorgung sichern und trotzdem stillstehen, wenn Zahlungsverkehr, Telekommunikation und Kraftstofflogistik gemeinsam wegbrechen. Sauruggs Empfehlung von 14 Tagen zielt genau auf diese Kaskade: Sie bemisst sich nicht am Stromausfall, sondern an der Zeit, die das nachgelagerte System zur Erholung braucht.
Quellen
Podcast „Logistik aus der Praxis“, Staffel „Lieferkette Energie — Wie sicher ist unsere Versorgung?“, Episode 2 mit Herbert Saurugg (Gesellschaft für Krisenvorsorge): https://open.spotify.com/episode/3qSPnlpzUNfayNgmmRBKP7