Supply Chain

Aus Prognose wird Bilanz: Hormuz erreicht die Q2-Earnings.

8 Min. Lesezeit Henrik Schneider
Weekly Cover: Aus Prognose wird Bilanz: Hormuz erreicht die Q2-Earnings.

Was vor zwei Wochen JPMorgan-Analyse war, ist diese Woche operative Realität.

zwei Wochen nach der „Illusion des Überflusses“-Warnung von JPMorgan, Barclays und Goldman Sachs und eine Woche nach der Drei-Uhren-Analyse zeichnet sich diese Woche eine wichtige Verschiebung ab. Die Hormuz-Reserven-Mechanik, die wir in KW20 als nichtlineares Preisrisiko skizziert haben, materialisiert sich in den Q1-/Q2-Earnings konkreter US-Unternehmen. Aus Prognose wird Bilanz — und das innerhalb von 14 Tagen.

Drei Schwerpunkte diese Woche: Wie Havertys, Bob’s Discount Furniture und Wayfair die Hormuz-Konsequenzen jetzt sichtbar machen — und was die +40%-Spike bei Circuit-Board-Preisen für andere Branchen bedeutet. Die USMCA-Renewal-Frist am 1. Juli rückt näher, NEMA und Partner aus Mexiko und Kanada legen ein konkretes Reform-Paket vor. Und ein in den Tagespresse-Highlights übersehenes Detail: Die US-Trade-Court-Rückerstattungen laufen seit Mai mit über 8 Millionen Anträgen — das ist die operative Erstattungslogistik für 35 Milliarden USD.

1 — Hormuz erreicht die ersten bilanzen

In der KW20-Edition haben wir die JPMorgan-Mechanik der „Illusion des Überflusses“ erklärt: Reserven kaufen Zeit, aber sie verhindern den Schock nicht. Die These war, dass die Konsequenzen verzögert in den operativen Zahlen sichtbar werden — nicht sofort an der Tankstelle, sondern in der nächsten Earnings-Runde.

Diese Woche kommt der Beleg.

Am 5. Mai sprach Havertys-CEO Steven Burdette in der Q1-Earnings-Call von „Cost Pressures from the Iran War“ — und konkretisierte am 20. Mai gegenüber Supply Chain Dive, dass für Q2 drei Effekte erwartet werden: höhere Vendor-Inputkosten, Container-Bunker-Fuel-Surcharges, und gestiegene Treibstoffkosten der eigenen Lieferflotte für Warehouse-Transfers und Heimlieferungen. Bob’s Discount Furniture hatte bereits Anfang Mai eigene Trucking-Surcharges kommuniziert. Wayfair-CEO Niraj Shah verband in seiner April-30-Earnings-Call Treibstoffkosten direkt mit „schwächerer Konsumentennachfrage“.

Was an den Aussagen substanziell ist: Es sind keine Prognose-Floskeln. Es sind in Earnings-Reports kommunizierte konkrete Margin-Effekte mit Q2-Wirkungshorizont. Die Companies haben ihre 2026-Gross-Margin-Guidance vorerst nicht angepasst — Havertys hält 60,5-61% — aber CFO Richard Hare nennt das, was übrig bleibt: „We’ve kind of baked in a bit of a cushion there, and that’s why we left our gross margin guidance alone.“

Übersetzt: Der Puffer schmilzt. Aktuell.

Parallel dazu der zweite Bestätigungspunkt: Goldman Sachs hat Anfang Mai Preisbewegungen für Printed Circuit Boards (PCBs) gemessen — die Komponente, die in nahezu jeder modernen Elektronik steckt. Resultat: 40% Preissprung allein im April. IDC-Analyst Galen Zeng kommentierte gegenüber Fox Business, dass die Konsumenten-Preiseffekte mit Verzögerung kommen, aber binnen weniger Monate sichtbar werden. Wedbush-Analyst Dan Ives: „There will be a lag and much of these costs will be absorbed in the supply chain.“

Drei Datenpunkte aus zwei verschiedenen Branchen mit derselben Ursache. Wer in KW20 noch eine theoretische Erörterung las, kann diese Woche die operative Konsequenz an konkreten Earnings-Kommentaren ablesen.

Was das für Logistikentscheider bedeutet:

Die nichtlineare Preisbewegung, vor der JPMorgan gewarnt hat, manifestiert sich derzeit nicht in einem Einzelereignis, sondern in einer Welle kumulativer Effekte. PCBs +40%. Fuel-Surcharges in Trucking-Verträgen. Container-Bunker-Surcharges. Höhere Vendor-Inputkosten. Schwächere Konsumentennachfrage als Echoeffekt. Jeder einzelne Effekt ist verkraftbar — die Kumulation der Effekte ist es nicht.

Konkret heißt das: Wer in den letzten 14 Tagen seine Diesel-Surcharge-Klauseln nicht von Pauschalen auf Index umgestellt hat, finanziert die nächsten Wochen jeden weiteren Spitzenpunkt vollständig selbst. Wer keine Tier-2- und Tier-3-Visibility hat, weiß bis heute nicht, wie tief seine Lieferkette vom PCB-Spike betroffen ist. Beides ist diese Woche kein Konzeptthema mehr — beides ist Operative.

2 — Usmca: fünf wochen bis zur frist

Während die Hormuz-Konsequenzen in den Earnings sichtbar werden, rückt die zweite große Tarif-Uhr näher: die USMCA-Frist zum 1. Juli 2026. Bis zu diesem Datum müssen die USA, Kanada und Mexiko entscheiden, ob das Abkommen für weitere 16 Jahre verlängert wird. Wird die Frist verfehlt, gilt das Abkommen weiter — aber unter jährlichen Reviews, mit endgültigem Sunset 2036.

Drei Branchenstimmen, die diese Woche aufmerken lassen:

Die National Electrical Manufacturers Association (NEMA), die mexikanische CANAME und die kanadische Electro-Federation Canada (EFC) haben Anfang Mai einen gemeinsamen Brief an die Verhandlungspartner geschickt. Die Kernbotschaft: USMCA ist „ein Eckpfeiler der nordamerikanischen Wettbewerbsfähigkeit“ und braucht drei konkrete Verstärkungen — Harmonisierung der technischen Standards, klarere Rules-of-Origin, Erhalt der trilateralen Struktur. Die NEMA beziffert die Wirkung des Abkommens seit 2018 konkret: US-Importanteil aus China gesunken von 27,3% auf 13,8%. Investitionen in nordamerikanische Produktionskapazitäten: 185 Milliarden USD. Allein im Elektrosektor.

Patrick Lozada, NEMA-Senior-Director Global Policy, formuliert die Stoßrichtung gegenüber dem Branchenmedium EC&M klar: „Entscheidendes Handeln zur Erneuerung der USMCA ist kritisch angesichts des globalen Wettbewerbs, einschließlich staatlich subventionierter Firmen in Asien.“ Mexiko und Kanada machen über 40% der US-Exporte im Elektrosektor aus — Mexiko ist der größte Importpartner der USA.

Was im aktuellen Verhandlungskontext beachtenswert ist: Im März 2026 haben USA und Mexiko bilaterale technische Gespräche begonnen, mit Fokus auf strengere Rules-of-Origin. Kanada war nicht dabei — Premier Carney und die kanadische Regierung sind aktuell auf diplomatischer Distanz zu Washington. Das wird sich vor dem 1. Juli ändern müssen. Wenn nicht, droht die trilaterale Struktur zu kippen, was insbesondere für die Auto- und Elektroindustrie eine signifikante Verkomplizierung wäre.

Was das für deutsche Logistikentscheider mit US-Geschäft bedeutet:

Die Rules-of-Origin-Verschärfung, die in den US-Mexiko-Gesprächen diskutiert wird, würde insbesondere Komponenten betreffen, die aktuell unter dem 60%-Regional-Content-Schwellwert liegen. Wer in der eigenen Lieferkette nicht weiß, welche Produktlinien knapp über oder unter dieser Schwelle liegen, sollte das spätestens jetzt klären. Eine Verschärfung auf 65% oder 70% — die in den Gesprächen offenbar als Option gehandelt wird — würde manche Produkte ohne Anpassung aus der zollfreien USMCA-Behandlung fallen lassen.

Konkrete Empfehlung: Wenn die Q2-Reporting-Phase Ihrer eigenen Organisation läuft, sollte spätestens jetzt eine Liste der USMCA-relevanten Produktlinien mit aktuellem Regional-Content-Anteil vorliegen. Diese Liste ist nicht in zwei Wochen mehr aktuell, wenn neue Rules-of-Origin verabschiedet werden — also jetzt vorbereiten, nicht nach Verkündung.

3 — Die operative zoll-erstattung läuft

Ein Datenpunkt, den die meisten Logistik-Newsletter diese Woche übersehen werden: Seit Mitte Mai läuft über das Customs and Border Protection (CBP) ein operatives Erstattungsverfahren für die vom US Supreme Court für nichtig erklärten 10%-Globalzölle. Supply Chain Dive berichtete am 13. Mai: Ein neu eingerichtetes Agency-Portal hat bereits über 8 Millionen Einträge validiert und mit Erstattungen begonnen.

Die Größenordnung: 35 Milliarden USD in Erstattungen wurden bewilligt — das ist nicht Trump-Drohung-Rhetorik, sondern realer Cash-Rückfluss an Importeure, die in den letzten 18 Monaten Zollzahlungen auf die später für illegal erklärten Levies geleistet haben.

Für deutsche Unternehmen mit US-Importgeschäft ist das ein potenziell signifikanter Cashflow-Effekt — wenn die eigene Compliance-Abteilung die Antragsfähigkeit erkannt und beantragt hat. Wenn nicht, läuft die Frist im Verborgenen, und der Erstattungsanspruch verfällt.

Was operativ jetzt wichtig ist:

Erstens: Trade-Compliance-Teams sollten diese Woche eine Liste aller Importeinträge bei US-CBP der letzten 18 Monate aus dem ERP- oder Zollagenten-System ziehen. Welche dieser Einträge betreffen die vom Supreme Court für nichtig erklärten Levies?

Zweitens: Anträge müssen über das neue Agency-Portal eingereicht werden. Die Bearbeitungszeit liegt nach Phil Neuffers Bericht in Supply Chain Dive bei wenigen Wochen — also schnell, sofern die Datenbasis stimmt.

Drittens: Diese Erstattungsdynamik wird in den nächsten Wochen Cash zurück in die Importeur-Bilanzen schieben. Wer schnell ist, sichert sich Cash. Wer wartet, schreibt eventuell die Forderung dauerhaft ab — die Verjährungsregeln für aufgehobene Zoll-Levies sind nicht kulant.

Handlungsempfehlungen — kompakt

Für Ihre Energie- und Treibstoff-Strategie: Die Q1-/Q2-Earnings-Signale aus der Furniture-Industrie sind das frühe Echo der KW20-Reserven-Mechanik. Diesel-Surcharges jetzt indexieren — wer Pauschalen behält, finanziert jeden weiteren Schock vollständig selbst.

Für Ihre USMCA-Exposition: Liste der Produkte mit Regional-Content-Anteil knapp über und unter der 60%-Schwelle erstellen. Die Verhandlungen vor dem 1. Juli könnten Rules-of-Origin verschärfen — wer das Datenbild nicht hat, reagiert blind.

Für Ihr Trade-Compliance-Team: Erstattungsfähigkeit bei US-CBP für die vom Supreme Court aufgehobenen 10%-Globalzölle prüfen. Antragsverfahren über das neue Agency-Portal. 35 Milliarden USD Erstattungen sind bereits bewilligt — das ist operativer Cashflow, kein theoretischer Posten.

Für Ihre Datenarchitektur: Tier-2- und Tier-3-Visibility ist diese Woche operativ relevant geworden. Wer den PCB-Spike-Effekt in der eigenen Lieferkette nicht bestimmen kann, kann auch keine kompetente Antwort auf Vorstand- oder Audit-Fragen geben.

Für Ihre Q2-Forecast-Diskussion: Die Frage, die in jeder Logistik-Q2-Planungs-Runde dieser Woche gestellt werden sollte: Welche unserer Kunden sind in der Q1-Earnings-Phase mit Margen-Warnungen ausgekommen? Diese Kunden werden in den nächsten 60 Tagen entweder Preiserhöhungen durchsetzen oder Logistikkosten verhandeln. Beides hat Implikationen für unser Geschäft.

Quellen

Supply Chain Dive (Max Garland, Phil Neuffer, 13.05./20.05.2026), Fox Business, Goldman Sachs, JPMorgan, IDC (Galen Zeng), Wedbush Securities (Dan Ives), Havertys Earnings Call 05.05.2026, Wayfair Earnings Call 30.04.2026, NEMA, CANAME, EFC, EC&M Magazine (Patrick Lozada), Talking Logistics (Adrian Gonzalez), Wipfli USMCA-Analyse, Wall Street Journal, Bloomberg

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